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Tim Nik – Privatpraxis für Psycho- und Sexualtherapie (nach Heilpraktikergesetz)

Der „Dritte Ort“ in der Soziologie und warum er für psychische Gesundheit bedeutsam ist

In der Soziologie bezeichnet der Begriff „Dritter Ort“ (engl. Third Place) jene Räume, die weder Zuhause (Erster Ort) noch Arbeitsplatz (Zweiter Ort) sind, aber dennoch einen wesentlichen Einfluss auf unser Wohlbefinden, unsere Identität und unser soziales Miteinander haben. Der amerikanische Soziologe Ray Oldenburg prägte den Begriff in den 1980er Jahren und beschrieb damit öffentliche oder halböffentliche Orte, an denen Menschen zwanglos zusammenkommen können: Cafés, Bibliotheken, Vereine, Grünflächen, offene Werkstätten und vieles mehr.

In meiner psychotherapeutischen Arbeit begegnet mir der Einfluss solcher „dritter Orte“ häufig. Viele Klient:innen berichten, wie positiv sich ein wiedergewonnener Raum jenseits von Arbeit und Zuhause auf ihr Stresserleben, ihre sozialen Kontakte und ihre Lebensqualität auswirkt.

Was macht einen „Dritten Ort“ aus?

Ray Oldenburg (1989) beschreibt mehrere charakteristische Merkmale:

  1. Niederschwelliger Zugang: Man kann kommen und gehen, ohne große Hürden oder Verpflichtungen.

  2. Neutraler Raum: Niemand ist Gastgeber, niemand ist Gast – alle sind gleichberechtigte Teilnehmende.

  3. Soziale Begegnung im Vordergrund: Kommunikation, Austausch und Zugehörigkeit stehen über Konsum.

  4. Regelmäßigkeit ohne Zwang: Menschen besuchen dritte Orte häufig, aber freiwillig.

  5. Angenehme Atmosphäre: Humor, Lockerheit und eine gewisse „Alltäglichkeit“ prägen die Interaktion.

Dritte Orte stehen damit im Kontrast zu vielen modernen Lebensbereichen, die durch Leistung, Effizienz und Verpflichtungen geprägt sind.

Warum sind Dritte Orte für die psychische Gesundheit wichtig?

1. Soziale Verbundenheit

Menschen sind soziale Wesen. Studien zeigen, dass stabile soziale Kontakte Stress reduzieren, das Immunsystem stärken und das Risiko für psychische Erkrankungen senken können (Holt-Lunstad et al., 2010). Dritte Orte sind natürliche Räume, in denen Begegnungen stattfinden (auch für Menschen, die sich schwer tun, aktiv Kontakte zu knüpfen=.

2. Identität und Selbstwirksamkeit

Der Aufenthalt in einem neutralen Raum ermöglicht es, Rollenflexibilität zu erleben: Man muss nicht „funktionieren“, kann aus gewohnten Mustern ausbrechen und neue Seiten an sich entdecken. Das stärkt das Gefühl von Selbstwirksamkeit.

3. Regulation von Stress und Emotionen

Räume wie Parks, Cafés oder kulturelle Zentren schaffen Distanz zum Alltag. Sie ermöglichen „mentale Pausen“, die hilfreich sind, um Stresshormone abzubauen und Erholung zu fördern (Ulrich et al., 1991).

4. Förderung von Routinen und Struktur

Für viele Menschen – etwa nach Burnout, in depressiven Phasen oder bei sozialer Isolation – kann der regelmäßige Besuch eines dritten Ortes helfen, den Tag zu strukturieren und wieder in den sozialen Rhythmus zurückzufinden.

Beispiele für Dritte Orte im Alltag

  • Cafés oder Teestuben

  • Bibliotheken oder Coworking-Spaces

  • Sportvereine, Yoga-Studios, Tanzgruppen

  • Stadtparks oder Gemeinschaftsgärten

  • Offene Werkstätten, Kreativräume oder Makerspaces

  • Kirchengemeinden, Kulturzentren, Nachbarschaftstreffs

Nicht jeder Ort passt zu jedem Menschen, oft lohnt es sich auszuprobieren, welcher Raum sich stimmig anfühlt.

Der therapeutische Blick: Warum ich häufig über „Dritte Orte“ spreche

In der Therapie geht es oft um Fragen wie:

  • Wo finde ich wieder Anschluss?

  • Wie kann ich mein soziales Leben stärken?

  • Was gibt mir Energie jenseits von Arbeit und Verpflichtungen?

  • Wie kann ich Isolation durchbrechen, ohne mich zu überfordern?

Dritte Orte sind dabei ein hilfreiches Konzept: Sie bieten Möglichkeiten für Begegnung, Zugehörigkeit und Entlastung, ohne dass es um Leistung oder Erwartungen geht.

Manchmal ist es ein kleiner Schritt – etwa das regelmäßige Sitzen im Lieblingscafé – der beginnt, etwas Größeres in Bewegung zu setzen.

Der „Dritte Ort“ ist mehr als ein theoretisches Konzept der Soziologie. Er beschreibt ein Grundbedürfnis: Räume, in denen wir einfach sein dürfen. Für viele Menschen spielt er eine entscheidende Rolle im sozialen und emotionalen Gleichgewicht. Wenn du merkst, dass dir Austausch, Entlastung oder neue soziale Erfahrungen guttun würden, kann das bewusste Finden eines solchen Ortes ein wertvoller Schritt sein.


Quellen (Auswahl)

  • Oldenburg, R. (1989). The Great Good Place. Paragon House.

  • Holt-Lunstad, J., Smith, T., & Layton, J. (2010). “Social Relationships and Mortality Risk: A Meta-analytic Review.” PLoS Medicine, 7(7).

  • Ulrich, R. et al. (1991). “Stress recovery during exposure to natural and urban environments.” Journal of Environmental Psychology, 11(3).

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